Zwei kleine braune Fläschchen, beide zehn Milliliter, beide mit „Lavendel“ beschriftet. Das eine kostet 4 Euro, das andere 12. Und der Unterschied ist größer, als der Preis vermuten lässt – er entscheidet darüber, was das Öl überhaupt kann. Wer ihn einmal verstanden hat, kauft nie wieder das falsche.
Ätherisches Öl: aus der Pflanze gewonnen
Ein ätherisches Öl wird der Pflanze direkt entzogen. Meist durch Wasserdampfdestillation: Heißer Dampf strömt durch das Pflanzenmaterial, löst die flüchtigen Bestandteile heraus, und beim Abkühlen trennt sich das Öl vom Wasser. Bei Zitrusfrüchten geht es einfacher – ihre Schalen werden kalt gepresst, das Öl sitzt dort in winzigen Kammern direkt unter der Oberfläche.
Was dabei entsteht, ist chemisch komplex. Ein einziges Lavendelöl enthält über hundert verschiedene Verbindungen – Linalool, Linalylacetat, Campher und viele mehr, in einem Verhältnis, das sich je nach Anbaugebiet, Erntezeitpunkt und Witterung unterscheidet. Genau diese Vielschichtigkeit macht den Unterschied: Sie ist der Grund, warum ätherische Öle über die Nase hinaus wirken können.
Und sie erklärt auch den Preis. Für einen Liter Lavendelöl braucht man je nach Sorte über hundert Kilogramm Blüten. Für Rosenöl sind es mehrere Tonnen Blütenblätter. Ein günstiges Rosenöl kann es deshalb schlicht nicht geben.
Duftöl: im Labor komponiert
Ein Duftöl – oft auch Parfümöl genannt – entsteht anders. Es wird aus Duftstoffen zusammengesetzt, meist synthetisch, manchmal mit natürlichen Anteilen. Ziel ist ein bestimmter Geruch, nicht ein bestimmter Inhalt.
Das klingt erst einmal nach dem schlechteren Produkt. Ist es aber nicht – es ist ein anderes. Duftöle können Dinge, die ätherische Öle nicht können. Es gibt keinen Weg, aus einer Maiglöckchenblüte Öl zu gewinnen; die Pflanze gibt schlicht nichts her. Auch Erdbeere, Meeresbrise oder frische Wäsche existieren als ätherisches Öl nicht. Wer diese Düfte möchte, braucht ein Duftöl.
Dazu kommt: Duftöle sind stabiler. Sie verändern sich über die Zeit kaum, riechen in jeder Charge gleich und verlieren beim Erhitzen nicht an Charakter. Für eine Duftkerze oder ein Wax Melt ist das ein handfester Vorteil.
Der Unterschied, auf den es ankommt
Die entscheidende Frage lautet nicht „welches ist besser“, sondern „wofür brauche ich es“.
Für Aromatherapie und Hautanwendung führt kein Weg am ätherischen Öl vorbei. Nur dort sind die Pflanzenstoffe enthalten, denen die Wirkung zugeschrieben wird. Ein Duftöl mit Lavendelgeruch riecht nach Lavendel – es enthält aber kein Linalool aus der Pflanze und bringt entsprechend auch nicht mit, was man von Lavendel erwartet.
Für Raumduft, Kerzen und Wax Melts ist das Duftöl oft die klügere Wahl. Es hält länger, riecht gleichmäßiger und macht Duftrichtungen möglich, die es in der Natur nicht gibt.
Ein Punkt noch, der überrascht: „Natürlich“ heißt nicht automatisch „harmlos“. Ätherische Öle sind hochkonzentriert und dürfen nie unverdünnt auf die Haut. Manche – Zimt, Nelke, Oregano – reizen selbst verdünnt. Zitrusöle können die Haut lichtempfindlich machen, weshalb man sie vor dem Sonnenbad besser meidet. In der Schwangerschaft und bei Kleinkindern gehört ohnehin ärztlicher Rat dazu.
Woran du erkennst, was du in der Hand hast
Auf der Verpackung steht mehr, als man denkt. Ein echtes ätherisches Öl trägt in der Regel den botanischen Namen der Pflanze – Lavandula angustifolia statt nur „Lavendel“. Oft steht auch das Herkunftsland dabei, manchmal die Gewinnungsmethode.
Ein Duftöl ist häufig als Parfümöl oder Duftöl ausgewiesen und nennt als Inhalt schlicht Parfum. Das ist keine Verschleierung, sondern korrekte Deklaration.
Und der Preis ist ein ehrlicher Hinweis. Wenn Rosenöl, Melissenöl oder Sandelholzöl zehn Milliliter für wenige Euro kosten, ist es kein reines ätherisches Öl – dafür sind die Rohstoffe zu teuer. Bei Lavendel, Zitrone oder Eukalyptus dagegen sind moderate Preise völlig normal.
Simones persönlicher Tipp
Kauf nicht das ganze Regal leer, sondern fang mit drei Ölen an, die du wirklich benutzt. Bei mir sind das Lavendel für abends, Pfefferminz für den Nachmittag, wenn nichts mehr geht, und Eukalyptus im Winter. Alles andere kam später dazu – und ehrlich gesagt stehen ein paar Fläschchen bei mir seit zwei Jahren fast unbenutzt herum.
Und noch etwas: Lager deine ätherischen Öle dunkel und kühl, fest verschlossen. Sie verlieren sonst schneller an Kraft, als man denkt. Das Badezimmerfenster ist der schlechteste Ort dafür, den ich mir vorstellen kann – ich weiß das, weil ich es jahrelang falsch gemacht habe.
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Quelle zum Weiterlesen: Ätherische Öle – Gewinnung und Zusammensetzung, Pharmazeutische Zeitung

